Wer Sicherheit will, sollte nicht nur Stunden kaufen

Warum die Sicherheitswirtschaft neue Leistungsmodelle braucht

Die Sicherheitswirtschaft ist eine personalintensive Branche. Das wird sie auch bleiben. Trotzdem lohnt sich die Frage, ob die Art, wie Sicherheitsdienstleistungen heute überwiegend ausgeschrieben, kalkuliert und gesteuert werden, noch zu den Anforderungen von morgen passt.

In vielen Ausschreibungen ist detailliert beschrieben, wie viele Sicherheitsmitarbeiter zu welchen Zeiten, Positionen und Qualifikationen eingesetzt werden sollen. Das schafft Vergleichbarkeit, führt aber auch dazu, dass Sicherheit häufig über ihren Aufwand definiert wird, folglich über Anwesenheitsstunden.

Dabei möchte ein Auftraggeber eigentlich keine Stunden kaufen. Er möchte, dass sein Unternehmen, seine Mitarbeiter, Gebäude, Anlagen und Prozesse zuverlässig geschützt sind. Dieser Unterschied klingt zunächst banal. Für die zukünftige Entwicklung der Sicherheitsdienstleistung ist er es nicht.

Vom Personaleinsatz zum Schutzziel

Die Anforderungen an Unternehmenssicherheit haben sich erheblich verändert. Bedrohungslagen werden komplexer, regulatorische Anforderungen steigen, Unternehmen müssen ihre Resilienz erhöhen und gleichzeitig wirtschaftlich handeln. Hinzu kommen der demografische Wandel und die zunehmende Schwierigkeit, ausreichend qualifiziertes Personal zu gewinnen.

Darauf ausschließlich mit zusätzlichen Sicherheitsmitarbeitern zu reagieren, wird auf Dauer weder wirtschaftlich noch personell möglich sein. Deshalb sollte am Anfang eines Sicherheitskonzeptes stärker die Frage stehen: Welches Schutzziel soll erreicht werden?

Für einen Standort kann das bedeuten, unberechtigte Zutritte zu verhindern, Ereignisse frühzeitig zu erkennen, innerhalb definierter Zeiten zu intervenieren und den Umgang mit einem Ereignis jederzeit nachvollziehen zu können.

Erst danach sollte entschieden werden, mit welcher Kombination aus Personal, Technik und Organisation dieses Ziel am sinnvollsten erreicht werden kann. Ein Unternehmen muss dafür nicht zwangsläufig an jeder Stelle rund um die Uhr personelle Präsenz vorhalten. Entscheidend ist, dass die Sicherheitslösung dort, wo ein kontinuierlicher Schutz erforderlich ist, 24/7 funktioniert – etwa durch das abgestimmte Zusammenspiel von personeller Präsenz, technischen Systemen, Leitstellen, Intervention und klar definierten Prozessen.

Technologie ist kein Selbstzweck

Videoanalyse, intelligente Sensorik, digitale Zutrittskontrollen, Leitstellenlösungen, Drohnen oder Robotik eröffnen inzwischen Möglichkeiten, die noch vor wenigen Jahren technisch oder wirtschaftlich kaum realisierbar waren.

Die entscheidende Frage ist aber nicht, welche Technologie verfügbar ist. Entscheidend ist, welches Problem damit gelöst wird.

Ein zusätzlicher Sensor erhöht nicht automatisch die Sicherheit. Eine Kamera verhindert allein keinen Vorfall. Und auch der Einsatz eines Sicherheitsroboters ist noch kein Sicherheitskonzept. Wirkung entsteht erst dann, wenn Technik, Prozesse und Menschen miteinander verbunden sind und eindeutig festgelegt ist, was nach einer Ereignismeldung geschieht.

Wer nimmt eine Information entgegen? Wer bewertet sie? Wann wird interveniert? Wer entscheidet über eine Eskalation? Und wie schnell muss dies erfolgen? An diesen Fragen zeigt sich letztlich die Qualität einer Sicherheitsorganisation.

Der technologische Fortschritt bietet dabei eine große Chance. Routineaufgaben können technisch unterstützt oder automatisiert werden. Qualifizierte Sicherheitsmitarbeiter konzentrieren sich stärker auf Tätigkeiten, bei denen Erfahrung, Kommunikation, Bewertung und Entscheidungskompetenz erforderlich sind. Damit verändert sich langfristig auch das Berufsbild.

Sicherheit muss messbarer werden

Mit neuen Sicherheitskonzepten muss sich auch die Art verändern, wie Qualität bewertet wird. Die Anwesenheit eines Mitarbeiters lässt sich einfach messen. Sie sagt jedoch zunächst nur aus, dass eine vertraglich vereinbarte Position besetzt war. Über die Wirksamkeit der Sicherheitsleistung sagt sie deutlich weniger aus.

Ein modernes Leistungsmodell sollte deshalb weitere Kriterien berücksichtigen, wie etwa Reaktions- und Interventionszeiten, Systemverfügbarkeit, Bearbeitungsqualität von Ereignissen, Prozesseinhaltung, Qualifikationsstände, Kontrollquoten oder Auditergebnisse. Entscheidend sind wenige, aussagekräftige KPIs, die mit den jeweiligen Schutzzielen verbunden sind.

Damit verschiebt sich die Perspektive. Nicht allein die Frage „Wurde die vereinbarte Leistung erbracht?“ ist entscheidend, sondern auch: „Wurde das vereinbarte Sicherheitsniveau erreicht?“

Mehr Verantwortung braucht mehr Gestaltungsspielraum

Wer ein Ergebnis verantworten soll, muss dieses Ergebnis auch beeinflussen können. Genau hier liegt eine der Herausforderungen von Vergabemodellen. Wenn ein Leistungsverzeichnis jede Position, jede Besetzungszeit und jeden Ablauf bereits detailliert vorgibt, bleibt für den Sicherheitsdienstleister wenig Raum, seine Erfahrung in die Gestaltung der Lösung einzubringen.

Sicherheitsunternehmen verfügen durch ihre Tätigkeit an unterschiedlichsten Standorten über einen erheblichen Erfahrungsschatz. Sie sehen, welche Prozesse funktionieren, wo Technik sinnvoll eingesetzt werden kann und wo personelle Präsenz unverzichtbar bleibt. Dieses Wissen sollte in Sicherheitskonzepte einfließen.

Das setzt allerdings voraus, dass sich auch die Rolle des Sicherheitsdienstleisters verändert: vom Bereitsteller einer definierten Anzahl von Arbeitsstunden hin zu einem Partner, der Verantwortung für die Funktionsfähigkeit einer Sicherheitslösung übernimmt.

Ein neues Verständnis von Partnerschaft

Der Wandel vom Stunden- zum Sicherheitsmodell kann nur gemeinsam gelingen. Dafür müssen beide Seiten, Auftraggeber und Sicherheitsdienstleister, bereit sein, traditionelle Rollenbilder weiterzuentwickeln. Der Auftraggeber definiert seine Schutzziele, Risiken und Qualitätsanforderungen. Der Sicherheitsdienstleister bringt seine operative Erfahrung ein, entwickelt gemeinsam mit ihm eine geeignete Lösung und übernimmt Verantwortung für deren Umsetzung und kontinuierliche Weiterentwicklung.

Eine solche Partnerschaft braucht Vertrauen, Transparenz, messbare Qualität und die Bereitschaft, gemeinsam nach besseren Lösungen zu suchen.

Das bedeutet nicht, dass die klassische Sicherheitsstunde verschwinden wird. Es wird weiterhin Standorte und Aufgaben geben, bei denen eine dauerhafte personelle Besetzung erforderlich und sinnvoll ist. Aber die Sicherheitsstunde sollte nicht länger automatisch die Antwort auf jede Sicherheitsanforderung sein.

Der niedrigste Stundensatz ist noch kein wirtschaftliches Sicherheitskonzept

Sicherheitsdienstleistungen stehen unter wirtschaftlichem Druck. Das gilt für Auftraggeber ebenso wie für Dienstleister. Gerade deshalb greift es zu kurz, Wirtschaftlichkeit ausschließlich über den Preis einer einzelnen Sicherheitsstunde zu betrachten.

Eine technisch unterstützte Lösung kann zunächst höhere Investitionen erfordern und gleichzeitig über ihre Laufzeit wirtschaftlicher und wirksamer sein. Umgekehrt kann personelle Präsenz dort die bessere Lösung sein, wo technische Systeme an ihre Grenzen stoßen oder menschliche Beurteilung, Kommunikation und Entscheidungskompetenz erforderlich sind.

Entscheidend ist deshalb nicht der niedrigste Preis einer einzelnen Leistungsposition, sondern das beste Verhältnis zwischen Aufwand, Qualität und erreichtem Sicherheitsniveau. Wer ausschließlich Stundensätze vergleicht, vergleicht den Preis des eingesetzten Mittels und nicht zwingend die Wirtschaftlichkeit der Sicherheitslösung.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, wie viele Stunden Sicherheitsdienstleistung ein Unternehmen einkauft. Entscheidend ist, welches Sicherheitsniveau benötigt wird und wie Menschen, Technologie und Prozesse zusammenspielen müssen, um dieses zuverlässig zu gewährleisten.

Rainer Ehrhardt, Geschäftsführer der Apleona Security